Montag, 19. November 2012

Generisches Femininum?

Es geht darum, in der Woche vom 19. - 26. November statt des generischen Maskulinums immer das generische Femininum zu verwenden. Also statt Bürger heißt es dann Bürgerinnen. Es geht darum aufzuzeigen, dass das generische Maskulinum Frauen diskriminiert, das sie diese nur „mitmeint“, in dem jetzt die Sprache umgedreht wird, soll darauf aufmerksam gemacht werden, also wenn Männer sich jetzt bei der Sprache ausgeschlossen fühlen. Ich bin bei der Mädchenmannschaft auf einen Artikel zur Woche des generischen Femininums aufmerksam geworden und hatte gleich meine eigenen Gedanken dazu. Laut des Aufrufs wurde dieser von einer überparteilichen Aktionsgruppe gemacht.

Auf der Seite des Aktionsbündnisses gibt es unter „Kleine Ratgeberin für die Woche desgenerischen Femininum“ Hinweise wie und in welcher Form man das generische Femininum verwenden soll. Hier steht z.B. gleich als erstes

„Grammatikalisch richtige Wörter verwenden. Das ist eigentlich ganz einfach. Wörter, die ein eigenes Femininum haben, eignen sich super. Welche, die gequält werden, in dem ein unnatürliches -in angehängt wird, machen keinen Sinn sondern das Anliegen lächerlich. Wenn es um Sachen geht (Beispiel Salzstreuer), dann bleiben die so, wie sie sind. Auch eine tropfende Wasserhenne ist NICHT gemeint mit generischem Femininum.“

Wenn die Befürchtung besteht, dass ein unnatürliches -in die Aktion lächerlich macht, frage ich mich ernsthaft, warum in der Überschrift das Wort „Ratgeberin“ verwendet wird. Entweder möchte man sich hier selbst lächerlich machen, die Überschrift und der Text stammen von zwei unterschiedlichen Personen oder während des Schreibens des Textes war die Überschrift bereits vergessen. Als letzte Möglichkeit bleibt natürlich noch die absichtliche Ironie, wobei ich dann befürchte, dass diese von den meisten Lesern (ja ich beteilige mich nicht an der Woche des generischen Femininums, warum erfahrt ihr im weiteren Verlauf dieses Textes) nicht so erkannt wird.
Grundsätzlich ist die Idee gut, wenn man erreichen will, dass über das generische Maskulinum nachgedacht wird und vielleicht auch der Meinung ist, dass durch dieses Frauen in einer Art und Weise diskriminiert bzw. ausgeschlossen werden.

Eine häufige Begründung (auch bei der Mädchenmannschaft) gegen das generische Maskulinum ist, dass man bei Gehörtem automatisch ein Bild vom entsprechenden vor seinem Inneren Auge hat und dieses Bild dann aufgrund des Verwendung des generischen Maskulinums meist ausschließlich männliche Personen enthält, obwohl die Rede von einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe war.
Dieses Argument habe ich mal an mir selbst überprüft und beobachtet. Bei bestimmten Worten denke ich automatisch an Frauen bzw. an Männer, bei anderen aber habe ich auch wirklich gemischtgeschlechtliche Gruppen vor meinem Inneren Auge. Allerdings ist mir bei meinem Selbstversuch aufgefallen, dass mein Inneres Bild nicht immer mit dem generischen Maskulinum übereinstimmt. Wenn von Ärzten die Rede ist, dann habe ich meist meine persönliche Hausärztin, also eine Frau vor Augen, obwohl das generische Maskulinum verwendet wurde. Wenn von Fußballspielern die Rede ist, habe ich meist eine männliche Fußballmannschaft vor Augen.
Für mich selbst habe ich daher eine andere Schlussfolgerung geschlossen als viele andere: Ich bin nicht der Meinung, dass die Realität durch die Sprache gemacht wird (wie viele Gegner des generischen Maskulinums), sondern dass umgekehrt die Sprache von der Realität gemacht wird. Ich habe gemerkt, ob ich jeweils an weibliche oder männliche Personen denke ist nicht abhängig vom Wort, also ob dies jetzt grammatikalisch weiblich oder männlich ist, sondern wie ich dieses in der Realität erlebe, also ob ich persönlich mehr mit Männern oder Frauen dieser Gruppe zu tun habe. Würde ich beispielsweise in einer Fußballmannschaft spielen, so würde sich vermutlich bei dem Wort Fußballspieler (pl.) automatisch eine weibliche Gruppe vor meinem Inneren Auge befinden.

Ich bin kein Mensch, der das generische Maskulinum aus Protest oder Unachtsamkeit verwendet. Ich habe viel darüber nachgedacht und diskutiert (beispielsweise auch auf dem Gendercamp im letzen Jahr) und bin für mich zu der Lösung gekommen, dass ich es so richtig finde.
Wenn ich von einer einzelnen Person spreche deren Geschlecht mir bekannt ist, finde ich es albern nicht das passende Geschlecht zu nutzen. Hier wäre das generische Maskulinum also meiner Meinung nach unangebracht und falsch. Wenn allerdings von einer Gruppe von mehreren Menschen geredet wird gibt es drei Möglichkeiten:

1. Die Gruppe besteht nur aus Frauen
2. Die Gruppe besteht nur aus Männern
3. Die Gruppe besteht aus Männern und Frauen

Für jeden dieser Fälle gibt es eine Möglichkeit wie man die gesamte Gruppe beschreibt (ohne Doppelnennung beider Geschlechter), es handelt sich beispielsweise um eine Gruppe von Ärztinnen und/oder Ärzten, dann wäre die richtige Verwendung folgendermaßen:

1. Die Ärztinnen
2. Die Ärzte
3. Die Ärzte

Es gibt also drei Bezeichnungen für drei unterschiedliche Situationen. Hier fällt auf, dass die letzte Bezeichnung und die vorletzte übereinstimmen, meiner Meinung nach handelt es sich hier um zwei unterschiedliche Formen, die sich gleichen (wie beispielsweise ein Teekesselchen). Das Problem des generischen Maskulinums ist nun, dass in der Praxis einige Menschen sich eben nicht gemeint fühlen, wenn die dritte Form verwendet wird, da nicht eindeutig zu erkennen ist, ob nicht doch die zweite gemeint ist. Allerdings habe ich bisher noch keine gute Lösung hierfür gefunden.
Doppelnennung beider Geschlechter ist eigentlich noch die beste, bei längeren Texten aber sehr aufwendig und lenkt vom Inhalt ab. Jetzt wie vorgeschlagen, die dritte Form der ersten angleichen löst eigentlich nichts, da wiederum eine Verwechslungsgefahr bestünde.
Eine einzige Möglichkeit wäre es, eine dritte Form zu finden, die keiner bestehenden Form gleicht, um so eindeutig zu sein und Verwechslungen der unterschiedlichen Formen zu vermeiden.
Ein gutes Beispiel hierfür bildet das schwedische Kinderbuch der Autoren Jesper Lundqvist, und Bettina Johansson, welche die schwedischen Personalpronomen für er (han) und sie (hon) in ihrem Buch durch ein Personalpronomen, welches für beide Geschlechter gleichermaßen verwendet werden kann (hen) ersetzten. Diese Idee finde ich persönlich besser als alle Alternativen, die ich im Deutschen bisher kennengelernt habe.

Solange es keine wirkliche andere neue Form für den 3. Fall (gemischtgeschlechtliche Gruppe) gibt, verwende ich die bestehende und habe persönlich kein Problem damit, falls jemand wirklich nicht sicher ist, welche der beiden gleich klingenden Formen ich nun meine, darf diese Person gerne nachfragen und bekommt auch eine Antwort.

Also mein Fazit zur Woche des generischen Femininums ist, dass ich das eine interessante Veranstaltung finde, um Aufmerksamkeit für ein Anliegen zu erhalten. Da es sich um ein Anliegen handelt, dass nicht meins ist, werde ich nicht mitmachen, möchte aber hiermit natürlich darauf aufmerksam machen, denn es ist nie verkehrt, sich Gedanken über seine Sprache zu machen und warum man etwas wie sagt.

Kommentare:

  1. Hallo Miria,

    ich finde Deinen Blogeintrag mutig. Auch einen zweiten, den ich von Dir gelesen habe. Du schreibst sehr offen und ehrlich und versuchst Dich nicht anzupassen und einen gewissen Stallgeruch anzunehmen, um akzeptiert zu werden. Als Feministin bzw. Feminismus-Interessierte dürftest Du es schwer haben...

    Zum Thema. Die InWoche habe ich nicht mitbekommen. Sollte deren Intention tatsächlich gewesen sein, das Generische Femininum (ebenso wie das Generische Maskulinum) schlecht zu machen, dann finde ich das sehr bedauerlich. Du schreibst: "Es geht darum aufzuzeigen, dass das generische Maskulinum Frauen diskriminiert, das sie diese nur „mitmeint“, in dem jetzt die Sprache umgedreht wird, soll darauf aufmerksam gemacht werden, also wenn Männer sich jetzt bei der Sprache ausgeschlossen fühlen."

    Dieses "Mitmeinen" wird immer so herabwertend geäußert. Tatsächlich dürfte nicht hervorgehoben werden, dass beim Generischen Maskulinum Frauen "mitgemeint" würden - denn auch Männer (und alle anderen Geschlechter) werden ebenfalls "nur mitgemeint". Und ebenso beim Generischen Femininum. Hier kommt es nicht aufs Geschlecht an, sondern auf die grammatikalisch zugrundeliegende Form. Die ist in unserer Sprache leider überwiegend die männliche (in einer Gesellschaft, die Frauen strukturell diskriminiert und benachteiligt). Es wäre alles viel einfacher und unproblematischer, wenn diese beiden Punkte nicht zusammentreffen würden.

    Ich bin Anhänger der generischen Form. Sie ist einfach, logisch und schön, und sie schließt alle Geschlechter ein, eben dadurch, dass die Geschlechtlichkeit gar nicht gemeint wird und keine Rolle spielt. Sexus vs. Genus. Da unserer Sprache die männliche Grundform zugrunde liegt, bietet sich sprachlich gesehen auch die männliche Form an. Bei der Wahl der weiblichen (fiktives Generisches Femininum, es wird so getan, als sei die weibliche Form die unserer Sprache zugrundeliegende) ist es nicht immer einfach, konsequent zu sein.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. " Als Feministin bzw. Feminismus-Interessierte dürftest Du es schwer haben..."

      Im Netzt mag das stimmen. In der realen Welt sind die meisten Leute, die einen im Netzt über den Mund fahren und schnell beleidigend werden zum Glück um einiges diskusionsbereiter als es häufig scheint.
      Und da ich genug feministische Freunde in der realen Welt habe, ist das durchaus ausreichend :)

      "Dieses "Mitmeinen" wird immer so herabwertend geäußert. Tatsächlich dürfte nicht hervorgehoben werden, dass beim Generischen Maskulinum Frauen "mitgemeint" würden - denn auch Männer (und alle anderen Geschlechter) werden ebenfalls "nur mitgemeint". "

      So wie ich das verstanden hatte, sahen das die Initiatoren dieser Woche tatsächlich anders. Da das generische Maskulinum der männlichen Form gleicht, fühlten nur sie selbst sich nur mitgemeint und die Männer aufgrund der männlichen Form direkt angesprochen.

      Löschen
  2. Vielleicht wird jetzt schon deutlich, dass ich immer öfter das fiktive Generische Femininum verwende. Jedoch nicht, um Männern vorzuhalten, wie es ist oder wie es sich für Frauen anfühlt, sprachlich "mit benannt" oder gar "ausgeschlossen" zu sein. Sondern um die praktische und nicht-diskriminierende generische Form weiterhin nutzen zu können, auch in Kreisen, in denen Gendern erwartet wird. Damit will ich nicht einmal provozieren, sondern auch feministisch Zeichen setzen (obwohl ich die Feministische Linguistik im Ganzen nicht als seriös wissenschaftlich anerkenne und wie schon angeschnitten die harte Kritik am Generischen Maskulinum zurückweise).

    Eigentlich hätte ich den einen Satz oben auch so schreiben können: "Ich bin Anhängerin der generischen Form." Sieht vielleicht etwas albern aus, wenn ich das als Mann schreibe, aber das liegt daran, dass es ungewohnt ist, einen Mann das so sagen zu hören. Aber man gewöhnt sich dran und erkennt es leicht/schnell als generische Form (wenn man denn will). 2007 jubelte eine (weibliche) deutsche Nationalfußballspielerin: "Wir sind Weltmeister!!" in die Kamera. Vielen dürfte es nicht aufgefallen sein, dass sie nicht "Weltmeisterinnen" sagte. Ihr vorzuhalten, einen Fehler gemacht zu haben, wäre albern. Und wer sich national-kollektiv mit der Frauenfußballnationalmannschaft identifiziert, der (!) wird auch sagen: "Deutschland ist Weltmeister! Wir sind Weltmeister!" Obwohl man selbst nicht auf dem Feld stand und obwohl es eine Frauenmannschaft war. Aber das darf einfach keinen Unterschied machen. Manche sich deutsch fühlende Frauen jubeln ja auch "Wir sind Weltmeister!", wenn die männliche Nationalmannschaft eine WM gewinnt. Es wäre seltsam, wenn national fühlende Fans sagen würden: "Wir sind Weltmeister und Weltmeisterinnen" oder "Weltmeister_innen" oder es vom eigenen Geschlecht abhängig zu machen, wo es auf die Nationalität bzw. das Nationalgefühl ankommt und nicht auf die Geschlechtlichkeit. Vielleicht ist "Weltmeister" nicht das beste Beispiel, weil es auch als Titel (im Singular) angesehen werden kann, nicht als eine Zuschreibung für die Spielerinnen. Die Mannschaft.

    Manche Frauen sagen, dass sie froh darum sind, dass es mit dem Generischen Maskulinum eine geschlechtsneutrale Form gibt, die sie nicht als Frauen mit ihrer (biologischen) Geschlechtlichkeit ins Zentrum gerückt werden. Sie möchten Anerkennung als "Arzt", vielleicht auch mit dem Hinblick auf eine Gesellschaft, die Frauen strukturell benachteiligt. Rassismus endet erst dann, wenn nicht mehr über das (z.B. Schwarzsein) gesprochen wird. Vielleicht endet Sexismus erst dann, wenn nicht mehr über Geschlechtlichkeit geredet wird. Zum Beispiel mit einer generischen Grundform, die geschlechtsneutral ist.

    Tut mir leid, jetzt habe ich wieder viel geschrieben. Ich möchte mich hauptsächlich für das (fiktive) Generische Femininum einsetzen. Nicht als Trotz-Option, sondern als feministische Aktion, als eine Form des Genderns. Die sinnvolle, nicht-diskriminierende generische Grundform wird beibehalten und zugleich auf die strukturelle Benachteiligung von Frauen hingewiesen. Bei der weiblichen Grundform macht / wird man sich eher bewusst, dass eben nicht das Sexus gemeint ist, man stellt sich eben nicht nur Frauen vor.

    Die Doppelbenennung und das Binnen-I finde ich problematisch, weil damit nur die beiden am stärksten vertretenen Geschlechter angesprochen werden: Männer und Frauen. Das ist tatsächlich sprachlich diskriminierend.

    Die neutralisierende Form "Studierende" finde ich problematisch, weil eine Studentin nicht immer (zu jedem Zeitpunkt) Studierende ist. Diese unschöne Lösung hätte ich akzeptabel gefunden, wenn das Generische Maskulinum tatsächlich sprachlich diskriminierend wäre, was es aber nicht ist.

    Das Gender_Gap ist wenigstens nicht diskriminierend. Die beiden generischen Formen aber auch nicht - dafür aber schöner und praktischer.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Interessante Überlegungen, das generische Femininum genauso zu betrachten, wie das generische Maskulinum. Ich habe von den meisten bisher tatsächlich nur davon gelesen, dass der "Spieß einmal umgedreht werden sollte", also wirklich als Argument für das generische Femininum: "Jetzt seht ihr mal, wie es uns sonst geht!"
      Und da bin ich dagegen. Auge um Auge und Zahn um Zahn ist meist nicht die Maxime, nach der man handeln sollte.

      Allerdings glaube ich nicht, dass sich ein generisches Femininum außerhalb der feministischen Szene wirklich durchsetzen wird, da Sprache sich selbst entwickelt und eine zwanghafte Veränderung sich selten durchsetzt.
      Auch erkenne ich die Unterscheidung zwischen genus und sexus immer eindeutig. Noch interessanter wird es ja dann, wenn von Dingen die Rede ist (statt Personen): Warum ist DIE Couch weiblich, DAS Sofa aber ein neutrum? Obwohl es sich doch um den gleichen Gegenstand handelt.

      Aber bei den generischen Formen besteht immernoch die Gefahr der Verwechslung. Da die Verwendung des generischen Femininums im Großteil der Bevölkerung unbekannt ist, würde mich mal interessieren, wie die Menschen, die nichts mit Feminismus zu tun haben auf die Verwendung reagieren?

      Löschen